60 km, der 1. Arberland Ultratrail und ich

Die Nacht von Freitag auf Samstag: um 7 Uhr ist der Start zum 1. Arber Ultratrail und meine Hotelwirtin hat mir ein leckeres Müsli und etwas Kaffee vor die Tür gestellt.

Irgendwie fand ich in dieser Nacht keinen Schlaf und so dachte ich mir um 3 Uhr Morgens, wenn ich jetzt aufstehe und was esse dann habe ich wenigstens alles schon verdaut und ich kann ganz locker am Start durchstarten. Gedacht - getan! Und so stürzte ich mich auf das Bircher Müsli und spülte das Ganze mit einer Tasse Kaffee nach. Mit einen eleganten Sprung verschwand ich wieder unter der Bettdecke und knipste das Licht aus.

Jesus Maria, jetzt aber schnell... Ein Blitzstart aus dem Bett auf die Toilette. Herrje! Was geht hier ab... Der flotte Otto überkam mich wie seinerzeit die 10 Plagen über Ägypten. Nichts konnte dieses Ereignis aufhalten.

Mein Sprintverhalten testete ich noch ganze 3 mal,  bis um 6 Uhr der Wecker klingelte und mir signalisierte, dass es in einer Stunde zum 1. Arber Ultratrail losgeht. 

Na ja, irgendwie wird das schon gehen und vorsichtshalber steckte ich noch 4 Packungen Tempo Taschentücher in den Rucksack - quasi meine erweiterte Pflichtausrüstung.

Mit zusammengekniffenen Po-Backen wackelte ich zum Marktplatz und traf dort Jonas Mister "LUNA" Sandalen Läufer und Nadia, die ich bis dahin noch gar nicht kannte.

Jetzt nur nicht jammern und am Besten so tun, als ob nichts ist. Alles andere wäre eine Ausrede für ein eventuelles Scheitern. Also im wahrsten Sinne des Wortes Arschbacken zusammenkneifen und durch.

Das Abenteuer Trail-Eldorado Arberland hat begonnen und wir folgten dem Führungsfahrzeug, das uns durch Bodenmais hinaus in den Zauberwald zu mystischen Trails führte. Was mich landschaftlich erwartet war mir klar. In Klein-Kanada war ich ja schon einmal gewesen und so war im Vorfeld die Freude groß gewesen hier meinen ersten 60 km-Trail zu finnishen.  

Die ersten 10 km liefern für mich perfekt und so erreichte ich ohne Probleme die erste Verpflegungsstation. Vorsichtshalber verzichtete ich in den frühen Morgenstunden auf ein kaltes Getränk und hüpfte munter weiter dem Trail entlang.

Zefix, so langsam musste ich mir einen großen Busch suchen, sonst geht das Ganze noch in die Hose. 

Danach ging es etwas entspannter voran. Das Ganze musste ich noch zwei mal wiederholen bis ich wirklich entspannt das Rennen aufnehmen konnte. So jagte ich den Trail entlang von Markierung zu Markierung, von VS zu VS. Immer wieder blieb ich kurz stehen und erfreute mich an dieser einzigartigen Landschaft.  

Ab Kilometer 32 war der Spaß vorbei. Ich bekam Krämpfe und zwar was für welche! Auf einmal verlor ich den Boden unter den Füßen und ich lag mit der Nase voraus auf Mutter Natur. HimmelArschundZwirn usw. usw. Ich fluchte in vollen Zügen. Aufstehen, dehnen und weiter... das wird gleich wieder. Nach 500m stürzte ich wieder. Nein, nein, nein!! Ich will das jetzt nicht. Ich fluchte, schimpfte und so langsam nistete sich eine Art Verzweiflung in meinem Kopf ein. An Laufen war nicht mehr zu denken. Auf gerader Strecke humpelte ich dahin. Bis zur nächsten VS waren es noch 8 km. Immer wieder verkrampften mir meine Waden. Immer wieder musste ich stehen bleiben. Immer wieder versuchte ich weiterzugehen. Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Ich wollte einfach nur noch zur VS und dort die Startnummer abgeben. Fertig aus, Arsch lecken.

Aber was muss man da eigentlich sagen? Muss ich überhaupt was sagen oder konnte ich einfach die Nummer abgeben? Was sollte ich sagen, wenn mich einer fragt, was los ist? All diese Gedanken beschäftigten mich, als ich von Krampf zu Krampf den Großen Arber hinauf, Richtung Seilbahn zur Verpflegungsstation humpelte.

Dort angekommen gönnte ich mir erstmal ein alkoholfreies Weizen, 3 Becker Cola, 2 Nudelsuppen und Schokolade. Als ich mich so umschaute, sah ich einen freien Platz neben einer Blondine. Ach, die wartet vielleicht auf mich. So setzte ich mich neben sie und wir fingen an etwas zu plaudern.

  • Ich: Griaß di
  • Sie: Hallo
  • Ich: Hast du Lust auf Pizza?
  • Sie: Ja klar, warum fragst du?
  • Ich: Ich kann einfach nicht mehr und will nicht mehr laufen.
  • Sie: Das ist aber doof und noch doofer jetzt aufzuhören. Mein Freund ist schon vor 30 min hier vorbei gekommen.
  • Ich: Aha, du hast einen Freund. Als nichts los mit Pizza?
  • Sie: Eher nicht.

Okay, hier wächst kein Weizen für mich. Ich stand auf und holte mir den 4. Becher Cola.

Eigentlich hat sie ja Recht. Aufhören ist doof. Ich laufe jetzt einfach weiter... 

 

In meinen Kopf kreisen die Gedanken hin und her. Wie viel Zeit hatte ich verloren? In welcher Zeit kann ich es noch schaffen? Wann kommt der nächste Krampf? Ist das die richtige Entscheidung?

Die nächsten Kilometer ging es über einen riesigen, steilen Trail bergab. Man könnte fast meinen hier leben die Steinbeisser aus der unendlichen Geschichte.

Schritt für Schritt - vorsichtig ging ich Richtung Großer Arbersee.

So langsam ging es wieder. Zaghaft versuchte ich zu laufen und ja, es geht.

Yes, Tschagga, ich bin der Held im Erdbeerfeld...

Tempo machen - alles geht wieder. Zwar wird Platz 1 schon belegt sein, aber macht nichts. Jetzt dranbleiben und hoffentlich machen meine Waden mit. 

Voller Energie und Wettkampffieber erreichte ich die letzte VS. Schnell noch 2 Becher Cola, eine Hand voll Gummibärchen und weiter ging es. Die letzten 10 Kilometer, noch 9, dann 8 und auf einmal war Ines da.

Sportlich und voll Energie hüpfte sie den letzten Anstieg entlang.

  • Ich: Kannst mich ruhig überholen. Soll ich dich vorbei lassen?
  • Sie: Nein danke, ich habe es nicht eilig.
  • Ich: Da sind wir zu zweit. Ich will jetzt nicht jammern, aber ich bin fix und fertig.
  • Sie: Ganz frisch bin ich auch nicht mehr.
  • Ich: Dann ist ja gut.

Und so setzten wir beide, gemeinsam unseren Weg fort. Wir machten Tempo, redeten über Gott und die Welt und motivierten uns gegenseitig. Im Ziel angekommen war ich nur noch fertig mit mir und der Welt. Das Fix vor dem Fertig hatte ich  bereits bei Kilometer 55 schon erreicht.

Nicht unbedingt zufrieden wegen der schlechten Zeit, aber unheimlich glücklich Ines getroffen zu haben.

Am nächsten Morgen auf der Heimreise sind meine Gedanken noch auf der Strecke beim 1. Arber Ultratrail und bei den vielen tollen Menschen, die ich getroffen habe.

 

Mein Epilog zum Rennen:

  • Hallo lieber Freund der Blondine oben auf dem Großen Arber. Ich bin froh, dass du viel schneller laufen kannst als ich.
  • Liebe Ines, auch wenn du nur 8 km in meinen Leben warst, ich bin so froh, dass du da warst. Ich hoffe, wir sehen uns irgendwo mal wieder und vielleicht das nächste Mal 10 km vor dem Ziel.
  • Griaß di Diana, sorry dass das Rennen etwas spannend war und du unzählige Nerven verloren hast. Käferle, ich weiß du hast gelitten, aber ich etwas mehr.

Danke lieber Arberland Ultratrail. Du bist eine einzigartige Veranstaltung, die hoffentlich einen festen Platz in der Szene bekommen wird. Mit jedem Schritt und in jeder Minute der Veranstaltung spürt man die Begeisterung der unzähligen Helfer. Es ist ein einzigartiges Erlebnis in dieser Zauberwelt Bayrischer Wald zu laufen.

Herzlichen Glückwunsch an alle Sieger und danke an die Sponsoren.

 

Lieben Dank fürs Teilen

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Kommentare: 1
  • #1

    Efren Watwood (Sonntag, 05 Februar 2017 09:10)


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