Innsbruck, der Sturz vom Himmel in die Abgründe der Unterwelt

 30. April 2016 Start des K42 Trailmarathon am Natterer See um 12.30 Uhr

4 Tage 22 Stunden 23 Minuten bis zum Start in Innsbruck und in der Nacht schüttelte Frau Holle mal wieder ihre Betten im Allgäu aus. Genauer gesagt, es schneite die ganze Nacht.

Na toll, das kann ja was werden...

Zum Glück buchte ich die Komfortzone im Rennen. Ein bisschen Bewegung schadet schließlich nicht und man soll es ja nicht schon am Anfang des Frühlings übertreiben, drum...

  • 42,9 Kilometer
  • 1450 Höhenmeter
  • UTMB 2 Punkte

Freitag, der Tag der Abreise ist gekommen. Die Gräueltat von Frau Holle vor zwei Tagen ist fast vergessen. Petrus lässt die Sonne scheinen, als gäbe es kein Morgen mehr und so mache ich mich mit der Laufbasis Allgäu auf den Weg nach Innsbruck.

Mit quietschenden Reifen geht die Reise los. Bevor der Motor überhaupt richtig Drehzahl machen kann, trinken wir schon Prosecco auf uns, unseren Sieg und über die bevorstehenden Höhenmeter.

Glücklich und leicht beschwingt in Innsbruck ankommend, geht es zur Ausgabe der Startnummern.

Kontrolle der Pflichtausrüstung, ein bisschen gucken, was es Neues gibt und die Wundertüte auspacken. Wir, das Team der Laufbasis Allgäu, sind bereit um Großes zu leisten.

Locker bleiben, geduldig warten, nur nicht durchdrehen, so lautet die Devise.

Zefix, 12.30 Uhr ist aber auch eine undankbare Startzeit, schimpfe ich, als ich am Samstagvormittag am Natterer See aus dem Bus aussteige. Die Meute versammelt sich an der Startlinie, noch ein Hallo hier, ein Hallo da, give me five, good luck und dann zehn, neun, ups wer war das?

Uwes Hals wird länger und länger und dann sehe ich sie auch. Eva! Was für eine Läuferin! Sie ist geboren um zu laufen, von Gottes Hand gesegnet in all dem, was eine Frau braucht. Zwei, eins, päng, der Startschuss. Quietsch, Qualm, Rauch, verbrannte Erde und weg war Eva.

Okay Roland, jetzt locker bleiben, nur nicht zu schnell das Ganze angehen. Achte auf den Puls, ermahne ich mich und renne im Pulk der tapferen K42 Läufer mit.

Zefix, was für ein Tempo. Mein Puls ist viel zu hoch, macht nix, dran bleiben. Ein paar Kurven weiter, so ein Mist, hier geht es ja nur bergab ohne technischen Trail und schon wieder überholen mich ein paar Läufer.

Ich will nicht Letzter werden, also los Tempo halten. Ein kurzer Blick auf die Pulsuhr und ich sehe nichts Gutes. Mein Puls erhöht sich zwangsweise, macht nix, an der nächsten Steigung kann ich bestimmt ein paar Läufer schnupfen.

Vergessen sind Andys Worte von der Laufbasis Allgäu. Roland, genieße deinen Lauf, bleib` stehen, mach ein paar tolle Bilder und genieße den Trail. Lass dich nicht von den anderen hetzen. Zu spät, ich bin im Läuferwahn, meine Beine fliegen nur so. Wann habe ich eigentlich das letzte Schild bzw. ein orangenes Band gesehen, das die Strecke markiert, schießt es mir auf einmal in den Kopf. Bin ich etwa falsch gelaufen? Oh Gott, bitte nicht und schon kommen mir keuchend ein paar Läufer entgegen. He Alter, wir sind falsch hier! Okay, umdrehen, zurück, hilft nichts, Tempo halten. Endlich ein orangenes Band, rechts hoch, los! Los! Macht halt die Augen auf, höre ich schon den ersten Spottgesang hinter mir. Na warte, du Vollpfosten! In deine Schuhbändel mach i au no nen Knota nei, schimpfe ich vor mich hin. Aber eigentlich hat er Recht. Roland, du musst ruhiger werden, lass es locker angehen.

So flitze ich den Trail entlang, meine Gedanken jagen im Kreis. Puls prüfen, Tempo halten, los dran bleiben, lass es locker angehen, nur nicht zu schnell. Die letzten 5 km sind downhill, da kann ich bestimmt noch ein paar Plätze gut machen. Los los! Immer wieder ballere ich mir Gel rein, schnell noch eine Salztablette und immer viel trinken, Tempo halten. Ich halte mich an die Ratschläge von Daniel, 160 km Ultra Trailrunner, eine Gazelle am Berg. Roland, ohne Sprit läuft der Motor nicht! 

Der Blick auf die Uhr, 28 Kilometer in 3:02 Stunden. Geil, ich komme unter 5 Stunden ins Ziel.

Ich fühle mich top fit. Volle Power noch in den Beinen, tschakka! das wird mein Tag. Los, komm! Tempo halten.

Autsch, ein Stich in meiner linken Hüfte. Ach was, papperlapapp! Vermutlich ein Läuferkoller bei Kilometer 32, los Tempo halten, Puls prüfen, Gel reinhauen, was trinken. Weiter laufen! Da vorne sind ein paar Läufer, die habe ich bestimmt in 1-2 Kilometer geschnupft. Los, los ein Anstieg kommt, dran bleiben.

Autsch! und schon wieder Autsch! 

Herrgottzackrament noch einmal! Regt mich das jetzt auf!

Den Gedanken konnte ich nicht mal bis zu Ende denken, da macht sich auf einmal bei Kilometer 34 ein Mark durchbohrender Schmerz in meiner linken Hüfte breit und saust mit ICE Tempo ohne Verspätung bis zu meinem Knie weiter. Zwei, drei Schritte und ich kann nicht mehr laufen. Ja, was ist denn das jetzt für eine Scheiße hier??

Los auf, das geht schon. Nur nicht aufgeben. Es sind nur noch ein paar Kilometer. Doch nichts geht mehr, jeder Schritt, jede Bewegung tut höllisch weh. Panik macht sich in mir breit, ich stürze vom Himmel in die tiefsten Abgründe der Unterwelt.

Voller Verzweiflung mache ich Schritt für Schritt, denke an Zahina. Wie ich mit ihr durch die Wälder streife auf der Suche nach Eichhörnchen, um diese zu erschrecken. Denke an meinem nächsten Urlaub am Strand, mit etwas Sonnenbrand im Gesicht und Sand in der Badehose.

Die Gedanken halten nicht lange. Der stechende Schmerz in meiner Hüfte ist einfach unerträglich!! Feierabend, Schluss, aus und Ende! 

Los weiter, es geht schon, auch wenn es im Oma-Tempo ist, aber es geht.

Oma-Schritt für Schritt im Opa-Tempo, fange ich an die letzten 8 km nochmals ein neues Rennen zu laufen. Nach quälenden 2 Stunden für 8 Kilometer ist endlich Licht am Ende des Tunnels.

Im Ziel angekommen ist mein Kopf mehr als leer. Ich lauf einfach über die Ziellinie Hand nach oben und fertig. 45,12 km mit 1470 Hm in 6:08 Stunden

Ohne im Zielbereich anzuhalten humpele ich einfach weiter. Weg von dem ganzen Trubel, einfach hinsetzen und den leeren Kopf ordnen.

Was ist da überhaupt die letzten 8 km passiert? Ich sitze einfach nur da, verzweifelt, t o t a l enttäuscht. Ich verstehe die Welt nicht mehr.

Irgendwann stehe ich auf und leite meine Oma - Opa - Schritte zum Hotel. Duschen, ab auf die Pasta Party und Siegerehrung.

1. Platz für die Mannschaft der Laufbasis Allgäu!

War doch sau lässig und doch kann ich mich nicht so richtig freuen. Eva war übrigens die schnellste Frau mit 4:08 Stunden. Die wohl beeindruckenste Leistung des Tages ist über 85 Km mit 3600 Hm in 8:32 Stunden.

Am nächsten Tag geht es zurück ins Allgäu. Stumm sitze ich da und schau den Regentropfen zu, wie sie die Scheibe hinunter laufen. Die Welt war zu einer Scheibe geworden.

Ich weiß, wenn es nicht so richtig läuft

und ich meinen Traum nicht umsetzen kann,

dann muss ich dran bleiben, darf nicht einfach aufgeben.

Manchmal muss ich meine Träume auch hegen und pflegen.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Petra (Sonntag, 08 Mai 2016 22:28)

    Ich bin kein Trailrunner, sondern „nur“ Läuferin. Ich weiß, wie lange 42.195 km sind und was unterwegs so zwicken und zwacken kann – aber mir fehlt die Vorstellung, was 45,12 km plus 1470 Hm Kopf und Körper abverlangen. Ehrlich gesagt halte ich auch jeden für verrückt, der sich das antut - aber das sei nur am Rande erwähnt. Wenn man sich Großes vorgenommen hat, ist entscheidend, ob man dranbleibt und sich durchbeißt - vor allem wenn's mühsam wird. Du hast echt was geschafft – auch wenn es sich auf der Ziellinie (noch) nicht so angefühlt hat!